Music – Lost & Found ,

Bedeutet 1945 auch das Ende der Multistilistik in der Komposition?

Verlorengegangenes wiederentdecken – Verfemte Musik wieder zurückholen – Vertriebene Komponisten entdecken:
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von einer sehr eindimensionalen Sicht der Musikgeschichte vor 1933 in Deutschland respektive vor 1938 in Österreich. War es Absicht und Vorsatz, dass die Vielfalt an Musikstilen negiert wurde und dass Komponisten in eine doppelte Vergessenheit gerieten, einerseits durch ihre Vertreibung oder Ermordung durch die Nationalsozialisten und andererseits durch eine allzu einseitige Rezeption der kompositorischen Entwicklungen, die viele tonale Kompositionstechniken zugunsten der atonalen Musiksprachen ignorierten? Endlich gibt es Bestrebungen, sich dieser Fülle an Stilen zu erinnern und diese wieder ans Licht zu holen. Der Band gibt eine interessante Zusammenstellung an möglichen Ansätzen, welche schließlich zu einer Neufassung der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts führen sollten.

»Im vergangenen Jahr (Mai-Heft 2020) haben wir gezeigt, wie der gleichermaßen angesehene wie gefürchtete Kritiker Julis Korngold, Vater des Komponisten Erich Wolfgang Korngold, mit seiner Sprachgewalt gegen die Allmacht der atonalen Musik in ihren Anfängen quasi als Einzelkämpfer aufgestanden ist und wie dieser Kampf durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten jäh abgeschnitten wurde. Dieser Kulturbruch, der das gesamte zeitgenössische Musikschaffen betraf, wirkte auch nach dem Kriegsende – und teilweise bis heute noch – fort. Unter anderem in der Weise, dass sich nach 1945 ein Paradigmenwechsel in die Gegenrichtung vollzogen hat, welcher Dodekaphonie und serielles Komponieren als diejenigen Stilrichtungen deklarierte, die allein die Musik unserer Zeit repräsentieren würden. Ein Komponist, der sich davon nicht eingrenzen ließ und dessen 100. Geburtstag 2018 in Wien mit großartigen Aufführungen seiner Opern Dantons Tod in der Staatsoper und Der Besuch der alten Dame im Theater an der Wien sowie mit dessen weniger bekannter Oper Jesu Hochzeit 2016 im Rahmen des Carinthischen Sommers gefeiert wurde, war Gottfried von Einem. Seine Musiksprache ist modern und dennoch weitgehend tonal. Seine Opernwerke sind auch heute noch mitreißend und publikumswirksam. Aber er war auch immer wieder dem Kritikervorwurf ausgesetzt, in seiner Kompositionsweise altmodisch zu sein, und seine Werke verschwanden und verschwinden leider immer wieder von den Spielplänen.

Die Wiederentdeckung verfemter Musik.

Unter dem Motto „2015 – Siebzig Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs: Bedeutet 1945 auch das Ende der Multistilistik in der Komposition?“ fand in der Mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin im Oktober 2015 ein musikwissenschaftliches Symposium statt, welches sich mit verfemter Musik auseinandersetzte. Veranstalter war das Zentrum für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater (htm) der Universität Rostock im Zusammenwirken mit verschiedenen deutschen Landesverbänden sowie in Zusammenarbeit mit Univ.-Prof. Dr. h.c. Dr. Gerold W. Gruber von der Universität für Musik und darstellende Kunst und Leiter des Vereins exil arte in Wien. Letzterer fasste die musikwissenschaftlichen Einzelbeiträge in vorliegender Publikation zusammen, um daraus die Grundlagen für weitere Erkenntnisse und Entdeckungen verschollener Kompositionen zu gewinnen. Auf der Suche nach stilistischer Vielfalt Eine solche Erkenntnis war beispielsweise die Tatsache, dass die musikalische Avantgarde vor der nationalsozialistischen Herrschaft von ganz unterschiedlichen Stilrichtungen ausgegangen ist. Komponistinnen und Komponisten, überwiegend jüdischer Herkunft, zeigten eine große Bandbreite ihrer jeweiligen Einflüsse, die sich aufgrund des Kulturschocks mit der Machtergreifung Hitlers nicht entfalten konnten und somit in der Zeit ihrer Entstehung wenig oder gar keine Publikumsresonanz erfuhren. Nicht nur (wie ebenfalls schon im Merker thematisiert), im Hinblick auf weibliche Musikschaffende, sondern generell entstand eine Musik ohne Töne, die es – selbst heute noch – wieder zu entdecken gilt.

Spannende, aber auch traurige Schicksale im Ringen um künstlerische Entfaltung und Erfüllung breiten sich da vor dem Leser aus. Allen Beiträgen sind Quellen und weiterführende Hinweise beigefügt sowie Informationen über die Tätigkeit des Vereins exil arte. Bleibt zu hoffen, am Ende der Corona-Zeiten den einen oder anderen wiederentdeckten Komponistinnen und Komponisten auch im Konzertleben zu begegnen. Und womöglich festzustellen, ob sich in der Zwischenzeit nicht schon Einiges getan hat.«
Ursula Szynkariuk / Der Neue Merker

211 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-85450-030-3

 24,90

Product ID: 633 Kategorien: ,
Autor

Gerold Gruber (Hg.)

Seiten

211

Verlag

Verlag Der Apfel

ISBN

978-3-85450-030-3

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